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Und alle Laternen gingen an

Wenn das Leben plötzlich neu beginnt – und die Liebe bleibt

Nach einer schweren Gehirnblutung und mit der Diagnose Aphasie stehen Mariam Kurth und Henning Schimke vor einer völlig neuen Realität. Doch statt zu verzweifeln, suchen sie gemeinsam nach neuen Wegen zueinander, entdecken von neu­em ihre Beziehung, ihre Kreativität und das Gefühl von Zugehörigkeit – zu sich selbst, zueinander und zu Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen. In ihrem Buch erzählen sie von Verlust, Hoffnung und der Kraft, sich als Paar immer wieder neu zu erfinden. Unsere Titelgeschichte aus dem aktuellen WIR-Magazin „Wer ist mein WIR?“

Ein Küchentisch in Kreuzberg

Die Sonne fällt durch das Fenster, auf dem Tisch stehen Wasser und Tee, daneben ein Laptop und Aufnahmegerät. Hier, in ihrer kleinen, gemütlichen Küche in Berlin-Kreuz­berg, erzählen Mariam Kurth und Henning Schimke von ihrem Leben – und davon, wie alles anders wurde. Frü­her standen sie auf Bühnen oder vor der Kamera, lebten ihre Ehe zwischen Proben, Premieren und langen Fahrten zu Bühnen und Drehsets quer durch Deutschland. Heu­te ist ihr Alltag geprägt von Therapien, Formularen und der Suche nach neuen Wegen zueinander und zurück zu der Kunst.

Henning Schimke, Theater- und Filmschauspieler, Hör­spielsprecher und Psychotherapeut, war es gewohnt, mit Sprache zu arbeiten, mit Worten zu spielen, Menschen zu berühren. Mariam Kurth ebenfalls Schauspielerin, Spre­cherin und Autorin, drehte Filme, schrieb Texte, stand selbst auf der Bühne. Seit über zwanzig Jahren sind sie ein Paar, haben sich immer wieder neu gefunden, trotz voller Terminkalender und oft nicht in derselben Stadt. „Wir haben immer versucht, Zeit füreinander zu finden“, sagt Mariam Kurth. „Aber wir hätten nie gedacht, dass wir einmal so viel Zeit miteinander verbringen würden
– und dass wir, die es gewohnt waren, viel und oft miteinander zu sprechen, neue Wege finden mussten, uns zu verstehen.“

Der Tag, an dem alles anders wurde


Vor vier Jahren veränderte sich ihr Leben schlagartig. Henning Schimke erlitt eine schwere Gehirnblutung, lag wochenlang im Koma. „Ich kann mich an die ersten Wochen gar nicht erinnern“, sagt er leise. Als er wieder aufwachte, war nichts mehr wie zuvor. Er hat seitdem eine Halbseitenlähmung, die die Bewegung, den linken Arm sowie das Gehen einschränkt. Dazu lebt er mit Apha­sie – einer Sprachstörung, die das Sprechen, Verstehen und Schreiben erschwert. „Mein Leben war genauso zer­sprengt wie das meines Mannes“, sagt Mariam Kurth. „Aber wir wollten uns nicht zum Opfer machen. Wir woll­ten unsere Geschichte erzählen – für uns, aber auch für andere.“

Schon in der Reha entstand die Idee, das Erlebte aufzuschreiben. „Wir sind beide kreative Menschen, so lag es nahe, mit Hilfe eines gemeinsa­men Buches zu verarbeiten, was uns passiert ist“, erzählt Mariam Kurth. „Irgendwann kam ich auf die Idee, unsere Geschichte zu schreiben. Was passiert ist, wie wir damit umgehen. Ich habe Henning davon erzählt, und er hat sofort ja gesagt – auch wenn er damals noch kaum sprechen konnte. Aber es war klar: Es sollte nicht nur meine Sicht sein, sondern auch seine.“

Am Anfang konnte Henning Schim­ke sich nur wenig mitteilen. „Ich habe alles mitgeschrieben, was Henning sagen konnte.“ Seine Perspektive ist in Interviewform erzählt. So konnte Mariam Kurth Fragen stellen, die ihr Mann auch beantworten konnte. „Ich habe gelernt, wie ich fragen muss, damit er mit seinen Möglichkeiten darauf reagieren kann.“ Die Antwor­ten bestanden anfangs nur aus Ja und Nein oder „unverständlichem Gestam­mel“, so Henning Schimke. Das Buch, an dem sie noch arbeiten, erzählt ihre Geschichte aus beiden Perspektiven. „Es gibt bisher keine Literatur, in der beide Seiten gleichzeitig zu Wort kom­men. Uns war das wichtig.“

Sprache, Wut und Nähe

Die größte Herausforderung war die Kommunikation. „In einer langjährigen Beziehung tauchen immer wieder Kon­flikte und Missverständnisse auf“, sagt Mariam Kurth. „Aber wenn das Spre­chen zeitweilig nicht mehr möglich ist, wird auch das Miteinander schwierig.“ Henning Schimke erinnert sich an die Ohnmacht, wenn er sich nicht ver­ständlich machen konnte: „Manchmal blieb nur der Wutausbruch, um zu zei­gen, dass ich falsch verstanden wurde.“ Die Hilflosigkeit, die eigenen Gedanken und Gefühle nicht ausdrücken zu kön­nen, machte ihn oft wütend. „Außer mit Mariam war es oft unmöglich zu kommunizieren“, sagt er.

Mit der Zeit entwickelten sie Strate­gien, um Missverständnisse zu klä­ren. „Ich habe eingefordert, dass du mir die Situation so lange erklärst, bis es klar war“, sagt Mariam Kurth zu ihrem Mann. „Das hat uns beide viel Kraft gekostet, aber auch dazu geführt, dass du wieder formulieren konntest
– mir und auch anderen gegenüber.“ Die Sprache kam langsam und Hen­ning Schimke ist immer noch auf dem Weg. „Es ist ein ständiges Ringen um Verständnis, um Nähe, um das Gefühl, wirklich gesehen und gehört zu wer­den.“

Alltag zwischen Therapie und Bürokratie

Ihr Alltag ist heute geprägt von Thera­pien, Arztterminen und einem Berg an Bürokratie. „Henning ist kaum in der Lage, sein Leben zu organisieren, weil dazu eine enorme Bürokratie gehört, die im Krankheitsfall noch viel grö­ßer ist“, sagt Mariam Kurth. „Sprache ist einfach existenziell. Ohne sie ist man aufgeschmissen – nicht nur im Gespräch, sondern auch bei Anträgen, Formularen, Behörden.“ Sie erzählt von endlosen Telefonaten, von Ämtern, die sich gegenseitig die Verantwor­tung zuschieben, von Beratungen, die selten individuell sind. „Die Beratung läuft immer zugunsten des Systems, nicht der Betroffenen. Jeder sucht die Lücke, wo er am wenigsten zahlen muss. Ein Mensch, der nicht sprechen kann, ist dem hilflos ausgeliefert und braucht jemanden, der für ihn die Stim­me erhebt.“

Pflege ist für sie mehr als ein techni­scher Begriff. „Ich mag das Wort ‚pfle­gende Angehörige‘ nicht“, sagt Mariam Kurth. „Es geht um viel mehr: um Orga­nisation, um Bürokratie, um emotiona­le Unterstützung. Und um das Gefühl, gemeinsam durchzuhalten.“ Sie erinnert sich an die ersten Wochen nach Henning Schimkes Rückkehr aus der Reha: „Alle sagten, wie toll, dass kein Pflegedienst nötig ist. Aber die Arbeit bleibt – und die Verantwortung auch.“

Gemeinsam stark – und doch eigenständig

Trotz aller Schwierigkeiten haben sie ihre Verbundenheit nie verloren. „Wir sind ein Team“, sagt Mariam Kurth. „Aber es war auch wichtig, dass jeder seinen eigenen Raum behält.“ Hen­ning Schimke übt, immer selbststän­diger zu werden, während seine Frau ihre Theaterarbeit fortsetzt. „Es geht darum, dass du wieder ganz autonom wirst“, sagt sie. „Und ich lerne, loszu­lassen.“ Sie erzählt, wie sie immer mehr Verantwortung abgibt, wie ihr Mann lernt, alleine zu bleiben, kleine Wege selbst zu organisieren. „Es ist ein Prozess, der uns beiden viel abver­langt – aber auch viel gibt.“


In ihrer Beziehung hat sich vieles ver­ändert – und manches ist noch inten­siver geworden. „Du bist viel purer geworden in deinen Emotionen“, sagt Mariam Kurth zu ihm. „Manchmal ist das anstrengend, aber oft auch sehr schön. Ich sehe jetzt viel mehr in dei­nen Augen, wenn du sagst: Ich liebe dich.“ Sie lachen. „Das sagen wir uns jetzt täglich mehrfach. Die Liebe ist noch tiefer geworden.

Mariam Kurth und Henning Schimke lesen aus dem Manuskript „Und plötzlich gingen alle Laternen an“. Aktuelle Termine weiter unten.


Henning Schimke nickt. „Früher habe ich viel geredet, jetzt muss ich mehr zeigen. Manchmal reicht ein Blick, eine Geste. Aber es ist schwer, wenn andere das nicht verstehen.“ Sie erzählen von einer Szene auf dem Fahrradweg: Henning Schimke fährt mit dem E-Rolli auf der falschen Sei­te, weil die Schlaglöcher auf der rich­tigen Seite zu tief sind. Ein Radfahrer schimpft, Henning Schimke versucht zu erklären, warum er dort fährt – aber die Worte kommen zu langsam. Am Ende schreit er, der Radfahrer zeigt ihn an. Die Polizei ruft bei Mari­am Kurth an, die Anzeige des Radfah­rers wird aber fallen gelassen. „Sol­che Situationen passieren oft“, sagt Henning Schimke. „Es ist frustrierend, wenn man nicht verstanden wird.“

Selbsthilfe, Therapie und das Teilen von Erfahrungen

Erst spät fanden sie Anschluss an Selbsthilfegruppen. „Das Wichtigs­te ist das Teilen“, sagt Mariam Kurth. „Zu wissen: Ich bin nicht allein.“ Bei­de besuchen eigene Gruppen, um ihre Perspektiven zu behalten. „Ich habe andere Themen als Henning, deshalb ist es gut, dass wir getrennte Gruppen haben. Aber wir gehen auch gemein­sam zur Neuropsychologin. Dort kön­nen wir Themen ansprechen, die wir allein nicht schaffen würden.“ Sie betont, wie wichtig es ist, dass auch Therapeutinnen und Therapeuten Erfahrung mit Aphasie haben. „Es gibt so wenige, die das können. Wir hatten Glück.“

Das gemeinsame Buchprojekt

Ihr gemeinsames Buchprojekt ist für beide ein Weg, das Erlebte zu verar­beiten – und anderen Mut zu machen. „Wir suchen noch einen Verlag“, sagt Mariam Kurth. „Es soll kein medizi­nisches Buch werden, sondern eine Geschichte über zwei Menschen, die einen Schicksalsschlag erlebt haben und trotzdem zusammenbleiben.“ Neben ihrer Geschichte wollen sie auch Informationen zu Aphasie und zu Hilfsangeboten geben – verständ­lich und aus eigener Erfahrung. „Wir wollen zeigen, dass es weitergeht, auch wenn alles anders ist.“

Die Lesungen aus dem noch unveröffentlichten Manu­skript des Buches sind für beide ein Highlight. Der Zuspruch des Publikums ist enorm. „Da können wir an unsere Tätigkeit als professionelle Sprecherin und Spre­cher anknüpfen“, sagt Mariam Kurth. „Es ist eine neue berufliche Perspektive – und eine Möglichkeit, anderen zu zeigen, dass man auch mit Einschränkungen kreativ sein kann.“ Sie hoffen, dass ihr Buch nicht nur Betroffe­ne und Angehörige erreicht, sondern auch ein breiteres Publikum. „Es geht um die Kraft der Liebe, um das Mit­einander, um das, was uns als Menschen ausmacht.“

Rollenverteilung und gegenseitige Fürsorge


Im Alltag haben sich die Rollen verschoben – und doch kümmern sich beide umeinander. „Ich kann zwar jetzt nicht die Steuererklärung machen“, sagt Henning Schim­ke, „aber ich achte darauf, dass Mariam sich nicht über­nimmt. Ich sage ihr, wenn sie eine Pause machen soll, wenn es zu viel wird.“ Mariam Kurth nickt. „Starke Men­schen brauchen manchmal jemanden, der sagt: Du kannst jetzt auch mal aufhören, stark zu sein.“ Sie haben gelernt, sich gegenseitig zu stützen – jeder auf seine Weise.
Der Titel ihres Buches ist Programm: „Und alle Laternen gingen an“. Es ist ein Bild für die Hoffnung, die sie trotz aller Rückschläge nicht verloren haben. „Unsere Bezie­hung ist tiefer geworden“, sagt Mariam Kurth. „Wir haben gelernt, dass Liebe auch ohne viele Worte wachsen kann.“ Sie wünschen sich, dass ihre Geschichte anderen Mut macht – und dass das Thema Aphasie mehr Aufmerk­samkeit bekommt. „Es betrifft nicht nur uns, sondern viele Menschen. Und es zeigt, wie wichtig es ist, zusam­menzuhalten.“
Am Ende des Gesprächs sitzen sie noch immer am Küchentisch, die Tassen sind leer, die Sonne ist weiter­gewandert. Beide lächeln sich an. „Wir haben uns neu erfunden – als Paar, als Menschen, als Künstler. Und wir sind noch lange nicht am Ende unseres Weges.“

Aktuelle Termine für Lesungen

25. September 2025, 18.00 Uhr, Bodo Uhse Bibliothek, Erich-Kurz-Str. 9, 10319 Berlin
7. Oktober 2025, 19.00 Uhr, Kulturhaus Karlshorst, Treskowallee 112, 10318 Berlin
30. Oktober 2025, 18.00 Uhr, Mittelpunktbibliothek Treptow-Köpenick, Alter Markt 2, 12555 Berlin