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Der Berliner Fotograf Sven Kocar lachend im Halbprofil

Sven Kocar: Der Fußfotograf

Geheimnisvolle Bilder, beeindruckende Technik: Wir haben den Berliner Fotografen Sven Kocar besucht. Seine Kamera bedient er am besten mit den Füßen.

Fast alles „zu Fuß“

Wer kann alle Zehen der Reihe nach einzeln bewegen? Oder einen Stift mit ihnen führen? Für die meisten endet die Beweglichkeit ihrer Füße, wenn sie erfolgreich den Weg in ein paar Socken gefunden haben. Sven Kocar hat schon im Kindesalter festgestellt, über welch ausgeprägte Feinmotorik er in seinen unteren Extremitäten verfügt. „Ich bin Spastiker, das heißt, meine Arme und Beine machen nicht immer das, was ich möchte“, erzählt er. Seine Füße hingegen gehorchen ihm, geben Sicherheit und Kontrolle.

In seiner Berliner Wohnung liegt die Computertastatur unter dem Schreibtisch, viel findet am Boden statt, selbst essen macht Sven Kocar „zu Fuß“. Vor allem aber stellt er sein wichtigstes Arbeitsgerät mit den Zehen ein, die Digitalkamera mit Bildschirm. Dabei geht es nicht bloß darum, mit dem großen Zeh auf den Auslöser zu drücken. Vom Auspacken über das Finden der Perspektive bis zur Feineinstellung, alles wird per Fußtechnik erledigt. Schwer vorstellbar? Er präsentiert es uns bei einem Testshooting:

Fotos von unten: Fotograf Sven Kocar zeigt, wie er arbeitet.

Sven Kocars Bilder folgen dem Prinzip der „absichtlich herbeigeführten Zufallstreffer“, wie er es nennt. Mittlerweile stimmt das nur noch bedingt. Nach vielen tausend Bildern weiß er genau, wie er die Kamera zu postieren hat und was den gewünschten Effekt bringt. Die extremen Perspektiven und Detailaufnahmen der Fotos machen es den Betrachtenden nicht immer leicht zu erkennen, was da überhaupt zu sehen sein soll. Kocar lacht, er liebt das Geheimnis und die Einladung für den zweiten Blick, was er mit eigenwilligen Bildtiteln gern noch verstärkt.

Aus Langeweile zum Künstler

Was so detailverliebt klingt, hat ganz unspektakulär begonnen. Aus purer Langeweile hatte der junge Berliner sich eine Digitalkamera geangelt, die er zu seiner Ausbildung als Mediengestalter bekommen hatte. Schnell stellte er fest, welche Freude ihm Fotografie bereitet und letztlich auch, wie viel er über dieses Medium ausdrücken kann. Das war 2006. Seitdem kann Sven Kocar auf zahlreiche Ausstellungen in und um Berlin verweisen. Trotz der vielen positiven Rückmeldungen, die er für seine Arbeit erhält, mit der Bezeichnung „Fotograf“ hat Sven Kocar immer noch Schwierigkeiten. „Ich hab das ja nicht gelernt, ich mach‘ es einfach!“, sagt er. Um im Anschluss zu ergänzen, er habe akzeptiert, dass er mittlerweile wohl das Leben eines Berliner Kunstschaffenden führe. Das bedeutet, Menschen mit einer oft für Erstaunen sorgenden Wahrheit vertraut zu machen: Künstler müssen essen und Miete zahlen. Er verkauft seine Fotos, u.A. über seine Webseite, zum Jahresende produziert er liebevoll gestaltete Fotokalender.

Kunst verbindet, davon ist Sven Kocar überzeugt: „Ich glaube, dass Kunst Brücken schlagen kann zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen.“ Bei aller Aufmerksamkeit, die er für seine Fotografie bekommt, ist es ihm immer wichtig dafür zu sensibilisieren, was sein kreatives Schaffen darüber aussagt, was ein Leben mit Behinderung bedeutet. Eben nicht arbeiten in einer Werkstatt und Wohnen im Heim. Freier Künstler in Friedrichshain funktioniert.

Fotograf Sven Kocar, lachend auf dem Fußboden seiner Wohnung sitzend, in seinen Füßen eine Digitalkamera, deren rotes aufnahmelämpchen leuchtet

Ausstellung in der Villa Donnersmarck

Wer Fotografien von Sven Kocar bestaunen möchte, hat dafür vom 16. September 2019 bis 29. Februar 2020 Gelegenheit in der Villa Donnersmarck. In dieser Zeit zeigen wir seine Ausstellung „Melodie aus Form und Farbe“. Die Vernissage zur Ausstellung findet am 15. September 2019 statt. Zu den Informationen auf villadonnersmarck.de