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Eine Gruppe Menschen sitzt im Gesprächskreis. Links eine junge Frau und ein junger Mann im Rollstuhl.

Eine exzellente Universität durch Inklusion

Zu Gast bei der Behindertenbeauftragten der Universität Potsdam.

Ein großes inklusives Team trafen WIR in der Universität Potsdam zu einem Gespräch über die Situation Studierender mit Behinderung in Potsdam an: Dr. Irma Bürger ist hier seit zehn Jahren Beauftragte für Studierende mit Behinderung. Zusammen mit Ulrike Sträßner und Lucas Mielke initiierte sie das Projekt „Eine Universität für alle“ und vernetzte sich mit zahlreichen Unigremien, um erforderliche Weichenstellungen für ein optimales Studium mit Behinderung in Potsdam effektiv zu stellen. Unterstützt wird sie dabei von Robert Meile in der der Zentralen Studienberatung, der ab April 2019 ihr Nachfolger sein wird, sowie von Christian Opitz und Annemarie Kleinert, studentische Tutor*innen mit Behinderung, die, wie auch viele weitere, mit Dr. Bürger seit Jahren ein niedrigschwelliges und vielfältiges Beratungsangebot für Studierende mit gesundheitlicher Beeinträchtigung und/oder Behinderung aufgebaut haben.

WIR: Wie geht es den Studentinnen und Studenten mit Behinderung in der Uni Potsdam?

Annemarie Kleinert: Mir geht es aktuell sehr gut. Ich studiere mittlerweile fast zehn Jahre hier. In meiner Schulzeit hatte ich wenige Möglichkeiten, überhaupt einen Nachteilsausgleich oder andere Erleichterungen in Anspruch zu nehmen. Hier an der Uni Potsdam ist es anders. Meine erste Ansprechpartnerin war von Anfang an Frau Dr. Irma Bürger. Das hat mir damals sehr geholfen,  denn Sie hatte ein Team aufgebaut, das Studierende mit Beeinträchtigung unterstützt.  Für mich war damals Annika da. Ihr konnte ich alle meine Fragen zum Studium stellen. Sie gab mir auch die Sicherheit, dass ich keine Termine oder Fristen verpasse oder trocknete mal eine Träne, wenn eine Klausur sehr schwierig war. Mit dieser Hilfe konnte ich mich besser und schneller im Uni-Alltag zurechtfinden.

Da ich zum Laufen einen Rollator brauche, sind Treppen ein Hindernis. So galt es diese zu umfahren. Oft musste ich große Umwege in Kauf nehmen und kam durchgeschwitzt und nicht immer pünktlich im Hörsaal oder Seminarraum an. Mittlerweile habe ich meine Schleichwege gefunden.

So ein Studientag ist lang und vollgepackt. Ich kam schnell an meine Belastbarkeitsgrenze. Um weiter studieren zu können, musste ich mein eigenes Tempo erkennen und für mich akzeptieren. Das hat eine Weile gedauert und war ein Lernprozess.

Christian Opitz: Die Uni Potsdam ist in der Betreuung von Studierenden mit Beeinträchtigungen, ob mit psychischer oder körperlicher Beeinträchtigung, im Gegensatz zu vielen anderen Universitäten, sehr weit fortgeschritten. Es finden sich Wege und Möglichkeiten, Nachteile auszugleichen. Für mein persönliches Beispiel als Rollstuhlfahrer sind natürlich bauliche Gegebenheiten eines historischen Campus mitunter abenteuerlich. Als Geschichtsstudent finde ich es sehr schön, an so einem historisch bedeutsamen Campus, wie am Neuen Palais zu studieren. Vor Beginn meines Studiums war ich schon in Kontakt mit Frau Dr. Bürger und habe den Campus betrachtet und erlebt. Das ist eine wichtige Sache, dass, wenn man sich dann für so einen Campus wie diesen hier entscheidet, sollte man wissen, worauf man sich einlässt. Ein Nachteilsausgleich ist sehr wichtig, um die eigenen Nachteile und Probleme in sämtlicher Fassung auszugleichen. Frau Dr. Bürger hat hier in den letzten Jahren ein etabliertes Netzwerk aufgebaut. Das ist eine Riesenstütze für Studenten mit Beeinträchtigung. So gut wie alle Ebenen der Universität sind eingebunden. Alle wichtigen Ansprechpartner sind miteinander vernetzt.  Wenn man sich an Frau Dr. Bürger als Beraterin für Studenten mit Beeinträchtigungen wendet, bekommt man Anschriften, Zeiten, Namen, Öffnungszeiten, alles was man braucht, um seinen Studienalltag, ob jetzt studentisch oder auch verwaltungstechnisch, bewältigen zu können.

WIR: Mit dem Projekt ‚Uni für alle‘ schaffen Sie hier eine inklusive Hochschule. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Dr. Irma Bürger: Das Beratungsangebot für Studierende mit Beeinträchtigung gibt es an unserer Hochschule bereits seit 1993. Die UN-BRK gab uns neue Impulse. Das Ziel ein Beratungsnetzwerk zu schaffen rückte in den Mittelpunkt.  Ich hatte von Beginn meiner Arbeit an das große Glück, dass dieses spezielle Beratungsangebot innerhalb der Studienberatung eingerichtet wurde. Bereits damals ein inklusiver Gedanke! So konnten alle Themen mit erfahrenen Beraterinnen und Beratern besprochen werden.

Als erstes stand damals an, dass wir Studierende brauchen, die Studierende beraten, wenn wir tatsächlich gut sein wollen. Daher haben wir studentische Hilfskräfte, heute würde ich sagen studentische Mitarbeiter, eingestellt. Was wir als Projekt begonnen haben, hat sich immer weiter etabliert, sodass mittlerweile vier Studierende mit je neun Wochenstunden im Team arbeiten. Von Anfang an war mir wichtig, dass einer der studentischen Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen eine Beeinträchtigung hatte. So waren in den zurückliegenden Jahren  Studierende mit psychischen Beeinträchtigungen sowie mit Sehbeeinträchtigung dabei. Derzeit ist Christian in unserem Team.

Wenn intensiv an einem umfangreichen Thema wie Inklusion gearbeitet wird, zeigen sich in der Arbeit neue Lücken. So war uns Beraterinnen und Beratern seit längerer Zeit bewusst, dass Studierende, die aufgrund chronischer Erkrankungen oder psychischer Beeinträchtigungen langsamer studieren müssen und mehr Zeit brauchen, häufig große Probleme mit dem wissenschaftlichen Arbeiten haben. Wer oft im Studium ausfällt, wird im sechsten Semester nicht sagen: „Ich habe noch nie eine Hausarbeit geschrieben.“ So kam die Idee, das Projekt Eine Universität für alle zu starten und unser Team um Mitarbeiter, die im Bereich wissenschaftliches Arbeiten tätig sind, zu erweitern. 2015 ist es uns gelungen, in diesem Bereich in der Zentralen Studienberatung ein Pilotprojekt über EU-Mittel zu starten. Dieses konnte mittlerweile bis März 2021 verlängert werden. Vor kurzem kam die Zusage vom Landesministerium für Wissenschaft, dass wir nach Projektende eine Stelle für den Themenbereich „Förderung des wissenschaftlichen Arbeitens in schwierigen Lebenssituationen“ in der Zentralen Studienberatung einrichten können.

Durch die enge Zusammenarbeit mit Studierenden wurde uns bewusst, dass wir uns dringend einer weiteren Aufgabe stellen müssen, wenn wir den Gedanken der Inklusion innerhalb der Universität voranbringen wollen. So entwickelten wir ein Fortbildungsprogramm zur Sensibilisierung von Studierenden. Zunächst haben wir unsere eigenen Studierenden innerhalb der Zentralen Studienberatung fortgebildet. Bald kamen Nachfragen aus anderen Bereichen. So können wir jetzt feststellen, dass alle Studierenden, die in der Erstsemesterbetreuung an unserer Universität tätig sind, mit einem Fortbildungsmodul ‚Inklusive Hochschule‘ im Umfang von eineinhalb Stunden vertraut sind. Diese Fortbildungen liefen so erfolgreich, dass die beteiligten Studierenden den Vorschlag machten, ähnliche Angebote für Lehrende anzubieten. Gemeinsam mit unserem Hochschuldidaktischen Zentrum setzten wir diese Idee um und bieten seit mehreren Semestern Veranstaltungen für Lehrende an. Unser Vorteil hierbei ist, dass wir uns nicht um die Organisation kümmern müssen und die Lehrenden Bestätigungen über die Fortbildung erhalten.

Ein neues, bekanntes Thema stand jetzt auf der Tagesordnung unseres Netzwerkes. Studierende mit Beeinträchtigung haben häufig Ängste im Umgang mit der öffentlichen Verwaltung. Sicher haben das Studierende an anderen Hochschulen auch. Wir entwickelten die Idee, eine spezielle Ansprechpartnerin im Zentralen Prüfungsamt zu finden und in unser Netzwerk aufzunehmen. Ziel war es, dass Studierende nicht immer wieder und vor unterschiedlichen Personen ihre Probleme offenbaren müssen.

Einen weiteren Vorteil hatte unser Netzwerk von Anfang an. Unsere psychologische Beratung ist ein Teil der Zentrale Studienberatung und war folglich sofort mit im Netz.

WIR: Sind all diese Bausteine im Pilotprojekt bereits angelegt gewesen?  

Dr. Irma Bürger: Wir begannen mit einzelnen Bausteinen und  haben ein Netzwerk geschaffen. Natürlich ist dieses nicht vollständig. Wie in der Vergangenheit, holen wir uns bei verschiedenen Fragestellungen Unterstützung bei unserer  Dezernatsleitung und wollen jetzt  das Studierendensekretariat und das BAföG-Amt einbeziehen. Wir haben uns zu jedem Zeitpunkt bemüht, leere Stellen gemeinsam mit Studierenden mit Beeinträchtigung zu erkennen und mit Experten für die einzelnen Aufgabenbereiche zu füllen.

WIR: Ich war als Studentin nie richtig in der Lage, meinen Nachteilsausgleich in Anspruch zu nehmen. Kommen Ratsuchende zu Ihnen, wenn eigentlich schon alles zu spät ist oder erreichen Sie die Studierenden früh genug?

Christian Opitz: Die meisten, die zu Frau Dr. Bürger und zu uns kommen, sind schon durch die Tutorien vorher darüber informiert worden, dass es an der Uni Potsdam Möglichkeiten gibt, Nachteilsausgleiche zu beantragen und welche Ansprechpartner es gibt. Manche neuen Studenten haben manchmal das Problem, gleich zur Studienberatung zu gehen. Zumal es ja auch Beeinträchtigungen sozialer Natur gibt, zum Beispiel Sozialphobien.  Da können wir als Tutoren den Kontakt vermitteln und auch vielleicht erste beratende Gespräche führen. Nachteilsausgleiche an der Uni Potsdam sind den Studierenden und auch in den Lehrstühlen zumeist bekannt. Es gibt auch einige Studenten, für die es sich komisch anfühlt, anders zu studieren als der normale Studierende.  Dadurch können  Gedanken, Ängste, Sorgen und Nöte entstehen. Das ist relativ häufig. Aber wir können natürlich niemandem helfen, der sich nicht meldet. Wenn sich jemand bei uns meldet, der wirklich kurz vor Knall steht, dann suchen wir natürlich nach Möglichkeiten, dort auszuhelfen. Aber wenn derjenige sich dann einfach zu spät gemeldet hat oder auch nicht das Engagement zeigt, etwas zu ändern, dann stoßen auch wir an unsere Grenzen.

Annemarie Kleinert: Jeder möchte natürlich bei einem neuen Lebensabschnitt ohne Hilfe klar kommen. Oft fällt es auch schwer Hilfe anzunehmen. Deshalb ist es gut, dass das Team von Frau Dr. Bürger aus Studenten mit und ohne Handicap besteht. Das erleichtert dem Einen oder Anderen die Kontaktaufnahme zur Studienberatung. Hier kann ganz individuell geholfen werden. Klausurassistenz, Zeitverlängerung oder Prüfungsvorbereitung sind kein Hexenwerk und eine große Unterstützung.

Natürlich versuchen wir über diese Möglichkeiten zu informieren, aber trotzdem ist die Scheu bei manchen Studenten, Hilfe anzunehmen, noch da.

WIR: Nachteilsausgleiche werden an Schulen zunehmend selbstverständlicher. Merken Sie dieses Selbstverständnis auch bei den jüngeren Studierenden?

Dr. Irma Bürger: Es ist schon ernüchternd. Auch bei uns stellen, wie im Bundesdurchschnitt, nur 30 Prozent der Studierenden, einen Antrag auf Nachteilsausgleich. Wir diskutieren angestrengt darüber , wie wir diese Zahl erhöhen können, denn ein Teil der Berechtigten weiß nicht, ob er zu der Gruppe gehört, der andere möchte seine Behinderung nicht öffentlich machen und ein dritter Teil hat Angst vor einer Sonderbehandlung. Zwei andere Zahlen sprechen dagegen deutlich für unsere Uni:  80 Prozent der Studierenden, die sich getraut haben, einen Nachteilsausgleich zu beantragen, erhalten eine Bewilligung. Wiederum fast 80 % haben bestätigt, dass der Nachteilsausgleich hilfreich war (Aussage auf der Grundlage der best 2-Studie). Hier müssen wir aktiv werden und, wie andere Unis auch, die Studierenden überzeugen, dass sie ein Recht auf Nachteilsausgleiche haben. Die Einbeziehung unserer Studierenden als Experten bietet sich in dieser Angelegenheit an. Denn „Wo etwas läuft, läuft es sehr gut.“

WIR: Laut der Studie Best 2 tun sich gerade Studierende mit psychischen Behinderungen schwer, einen Nachteilsausgleich zu beantragen oder sind unsicher, ob ihnen einer zusteht. Teilen Sie diesen Eindruck?

Robert Meile: Wir versuchen in der Studienberatung auf solche Fragen, die Christian gerade beschrieben hat, einzugehen, z.B. woran muss ich denken, wenn ich das Studium wieder aufnehme, wie sind die Gegebenheiten an der Hochschule, insbesondere, wenn ich eine Beeinträchtigung habe. In diesen Fragen schulen wir auch unsere Tutor*innen, die im Rahmen der Studienorientierung an Schulen unterwegs sind. Wir machen deutlich, dass es Möglichkeiten wie Nachteilsausgleich gibt und so ein Studium mit Beeinträchtigung gestaltbar ist. Wir versuchen so, möglichst viele Studieninteressierte zu erreichen.

Ich habe aber den Eindruck, es kommen viele mit ihren Fragen erst, wenn die Prüfungszeit ansteht. Dann haben die Student*innen festgestellt, dass sie es nicht schaffen, mit allen zusammen im Vorlesungssaal die Klausur zu schreiben, mehr Zeit beim Anfertigen der Hausarbeit benötigen oder vielleicht motorische Probleme beim Schreiben haben.

Es gibt auch Studierende, die die ganze Zeit versucht haben, sich durchzukämpfen, damit erfolgreich waren und erst am Ende ihres Studiums merken, dass es doch sehr schwierig ist. Oft ist die Regelstudienzeit überschritten. Wir versuchen auch dann eine Lösung zu finden. Und es gelingt auch. In ganz seltenen Fällen schaffen wir es nicht.

Dr. Irma Bürger: Gerade in der letzten Phase des Studiums arbeiten wir eng mit der psychologischen Beratungsstelle und den Fakultäten zusammen. Viele Studierende, insbesondere mit psychischen Beeinträchtigungen, kommen so mit ihren Problemen zu uns. Diese können gezielt mit Frau Sträßner und Herrn Mielke in unserem Projekt ‚Eine Universität für alle – Mit Erfolg studieren‘ Schwierigkeiten mit Abschlussarbeiten oder anderen Problemen im wissenschaftlichen Arbeiten überwinden.

Ulrike Sträßner: Manche Studierende müssen auch erst anerkennen, dass sie wirklich etwas haben, was nicht einfach so weggeht. Manchmal Erkrankungen treten auch erst im Studium auf. Dann ist es ein weiter Weg, sich einzugestehen, ich darf Unterstützung bekommen.

Christian Opitz: Lehramtsstudierende  haben oft Angst davor, Nachteilsausgleiche zu beantragen, weil sie befürchten, keine Anstellung aufgrund gerade einer psychischen Erkrankung im Schuldienst zu bekommen.

Dr. Irma Bürger: Studierende denken häufig, dass Nachteilsausgleiche auf den Zeugnissen vermerkt werden, wie bei einem Sonderschüler. Nachteilsausgleiche sind keine Bevorteilung, sondern nur ein anderer Weg, die Leistung zu erbringen. Und deshalb gibt es auch keine Vermerke auf Zeugnissen und Leistungsübersichten. Gerade für Studierende der Rechtswissenschaft, im Lehramt und anderen Studiengängen mit einem Berufsziel im öffentlichen Dienst ist das eine große Hürde. Hier ist Aufklärungsarbeit wichtig.

WIR: Mir hat auch niemand gesagt, dass ich zum Beispiel eine Studienassistenz hätte beantragen können. Und da hatte ich irgendwann keine Kraft mehr.

In der Schule zum Abi hin, habe ich ein paar Nachteilsausgleiche gehabt, z.B. Schreiben in eigenen Räumen. Meine Mitschüler haben mich deswegen stark gemobbt. Werden denn die anderen Studierenden darüber aufgeklärt, dass das keine Vorteile sind?

Annemarie Kleinert: Bei unseren Tutorenschulungen werden die  angehenden studentischen Tutoren  in einem speziellen Modul über das Thema Nachteilsausgleich informiert. Studierende mit Behinderung berichten bei dieser Ausbildung von ihren persönlichen Erfahrungen und  beantworten Fragen zum Uni-alltag mit Behinderung.  Die Tutoren bekommen durch diesen lebendigen Austausch mit  Frau Dr. Bürger und ihrem Team einen  Einblick in das Thema „Studieren mit Behinderung an der Uni Potsdam“. Sie wissen dadurch, dass ein Nachteilsausgleich keine Begünstigung ist und können so in ihren Seminaren ihr Wissen an die Studenten weitergeben. Meine Erfahrung  ist hier durchweg positiv.

Ulrike Sträßner: Studierende sind ja keine so homogene Gruppe wie Schüler*innen in der Schule. Die Seminare sind gemischter, da kommen unterschiedliche Alters- und Erfahrungsstufen zusammen. Zudem sind Seminargruppen meist deutlich größer und das Nachfragen fällt nicht so auf.  

WIR: Etikettierungen können Sie hier vermeiden?  

Dr. Irma Bürger: Wir vermitteln den Ratsuchenden, dass tatsächlich keine Nachteile daraus entstehen, eine Beratung aufzusuchen und Nachteilsausgleiche in Anspruch zu nehmen. Unsere Sensibilisierungsangebote, insbesondere für die Studierenden, sind hier sehr hilfreich. Der Umgang mit der Frage, wie studiere ich mit einer psychischen Beeinträchtigung, auch unter dem Gesichtspunkt, man sieht es mir nicht an, führt zu Aha-Erlebnissen in den Fortbildungen. Jedes Mal, wenn wir in Fortbildungsveranstaltungen vor Studierenden aufgetreten sind, kamen im Anschluss Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Bemerkung zu mir: ‚Ich würde gerne zu Ihnen in die Beratung kommen, ich glaube, ich gehöre auch zu dieser Gruppe‘. Es ist schwer, sich zu bekennen und sich eine psychische Beeinträchtigung selbst einzugestehen. Der Gedanke, ich brauchen einen Schwerbehindertenausweis, um einen Nachteilsausgleich zu erhalten, ist nicht ungewöhnlich, aber in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung.

Ulrike Sträßner: Und das Tolle ist, die Studierenden kriegen ihren Nachteilsausgleich in die Hand und entscheiden ganz autonom, was sie damit machen, in welchem Fall sie ihn einsetzen möchten und in welchem nicht. Es kann sein, dass der Nachteilsausgleich z.B. in Bio in Anspruch genommen wird, aber in Geschichte nicht. Auch bei jedem Kurs kann ich entscheiden, ob ich diesen Nachteilsausgleich zum Einsatz bringen möchte oder nicht.

WIR: Welche Themen landen eher bei den Tutoren mit Behinderung als bei der Behindertenbeauftragten?

Robert Meile: Die Hauptfragen, die vor allem während der Tutorien auftreten, sind zum einen das Beantragen der Nachteilsausgleiche und als zweites geht es um BAföG, z.B. inwieweit Nachteilsausgleiche Auswirkungen auf das BAföG haben. Ansonsten kommen Fragen zur Zugänglichkeit oder, an welchem Campus es sich mit körperlicher Beeinträchtigung am besten studiert, über das allgemeine Studienumfeld und wie wir es empfinden, wie wir selbst mit Behinderung zurechtkommen und wo es Hürden gibt.

WIR: Gibt es bei der aktuellen Bafög-Reform Verbesserungen für die finanzielle Situation von Studierenden mit Behinderung?

Dr. Irma Bürger: Wir hoffen es. Es gibt hier mehrere Handlungsfelder und wir werden mit unserer Dezernentin und dem BAföG-Amt ein Treffen vereinbaren. Wir haben vielfach den Eindruck, dass einige BAföG-Sachbearbeiterinnen unsicher sind, die Breite der Möglichkeiten, die sich bietet, zu nutzen. Sicher sind auch hier Sensibilisierung und Aufklärung wichtige Themen.

Interviewsituation in einem Büro der Uni Potsdam. Drei junge Damen - rechts WIR-Redakteurin Anna Koch.

WIR: Gibt es für ausländische Studierende zwei Barrieren, die Sprache und die Beeinträchtigung?

Dr. Irma Bürger: Dieser Bereich ist sehr sensibel. Studierende aus dem Ausland fallen häufig nicht unter die deutsche Sozialgesetzgebung, wenn sie kurzfristig bei uns studieren. Bei Anfragen arbeiten wir mit unserem International Office zusammen und suchen gemeinsam nach Lösungen.

Robert Meile: Ja, Wir haben relativ viele fremdsprachige Masterstudiengänge bei uns. In der psychologischen Beratung taucht diese Gruppe schon auf. Eine Beraterin war dafür zuständig, bis die Förderung ausgelaufen ist. Wir werden versuchen, wieder jemanden einzustellen, denn wir sehen, dass die psychologische Beratung eine erste Anlaufstelle für  Studierende ist, die keine Deutschkenntnisse haben. 

Christian Opitz: Bachelor-Studierende müssen alle ein bestimmtes Deutschniveau mitbringen. Daher gibt es keine große Sprachbarriere, eher eine kulturelle, da manche Menschen aus einigen Ländern sich einfach nicht trauen, sich bei uns zu behaupten. Oder anders herum gibt es auch ausländische Studierende, die eine bestimmte Erwartung haben, die wir einfach nicht erfüllen können.

WIR: Die Schreibgruppen und wissenschaftlichen Intensiv-Kurse richten sich an Studierende mit Behinderung. Stehen diese Angebote offen oder ist es sinnvoll „unter sich“ Themen anzugehen?

Lucas Mielke: Diese Gruppenformate sind Kernbestandteil unseres Projekts ‚Universität für alle‘, das ein Beratungsangebot zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur Studienorganisation bereitstellt. Dieser Schwerpunkt ist daraus erwachsen, dass sich ein großer Teil unserer Beratungstätigkeit mit Fragen und Problemen rund um die akademische Textproduktion beschäftigt: Wie beginne ich eine Haus- oder Abschlussarbeit? Wie behalte ich die Motivation? Wie schließe ich das Vorhaben erfolgreich ab? Alle Phasen des wissenschaftlichen Schreibprozesses sind, gerade bei unserer Zielgruppe, stark mit Unsicherheiten besetzt. Die Folgen von Aufschiebeverhalten und langen Studienunterbrechungen beispielsweise werden in diesem Bereich besonders deutlich. Unsere Angebote stehen allen Studierenden offen, die sich angesprochen fühlen. Um nun aber etwas konkreter zu werden: Immer montags findet eine Schreibgruppe statt, die prinzipiell Studierenden aller Fachrichtungen offensteht. Sie soll einen Raum bieten, in dem sich über schreibbezogene Probleme ausgetauscht und – natürlich – an den Texten gearbeitet werden kann. Ich bin als Ansprechpartner und Moderator vor Ort. Das Schreiben in der Gruppe hat sich als erfolgreiches Konzept erwiesen: Zweimal im Jahr bieten wir eine „Intensiv-Schreibwoche“ an, in der die Idee der Schreibgruppe in einem erweiterten Rahmen und über fünf Tage hinweg realisiert wird. Unsere Rückmeldungen dazu sind durchweg positiv.

Christian Opitz: Unsere Arbeit ist auch präventiv ausgelegt. Das heißt, wir öffnen den Raum für alle Menschen, die das Gefühl haben, dass sie unter besonderen Belastungen oder besonderen Bedingungen studieren und das mit uns gemeinsam angehen möchten. Die Gruppenangebote haben den Charakter des Mitgezogenwerdens. Man ist nicht alleine zu Hause oder in der Bibliothek, wo es laut ist. Eine größere Diskretion und Vertrautheit entsteht dadurch, dass es überfachlich ist. Hierher kommen Leute mit Behinderung, mit psychischer Beeinträchtigung, aber auch Leute, die gerade unter sehr starkem Stress stehen. Das Angebot ist für alle zugänglich.

Ulrike Sträßner: Wir fragen nicht den Behinderungsgrad ab, sondern nehmen die Vielfalt an und profitieren von dem Austausch. Wir begleiten fortgeschrittene Studierende und auch Anfänger*innen, die ganz frisch an der Uni sind und ihre erste Hausarbeit schreiben. Die Anfänger*innen haben natürlich ganz andere Fragen als die Fortgeschrittenen. Beobachten können wir aber, dass je fortgeschrittener die Studierenden  im Studium sind, desto peinlicher scheint es zu sein, Dinge zu fragen. Wenn sie unsicher sind, was eine Methode ist oder warum sie die überhaupt brauchen und was das mit der Fragestellung überhaupt soll, ist das im 12. Semester sehr unangenehm.

Aber das hat auch viel, finde ich, mit einer universitären Schreibkultur insgesamt zu tun. Hartnäckig hält sich der Mythos ums wissenschaftliche Schreiben, dass man es eben kann oder nicht und dass es  am besten still zu Hause stattfindet. Wir bieten einen geschützten Raum, in dem alles gefragt werden darf. Unsere Gruppenangebote leben vom Austausch und das spricht sich rum. Am Anfang saß ich mit zwei Studentinnen in der Schreibwoche, jetzt sind die Anmeldelisten voll.

Dr. Irma Bürger: Während der Schreibwochen gibt es eine Kinderbetreuung. Frauen, die sich beteiligen möchten, können ihre Kinder häufig nicht unterbringen. Sie sehen, wir entdecken immer wieder Lücken und versuchen diese zu füllen.

WIR: Um Inklusion in den Schulen fachlich besser zu gestalten, gibt die bundesweite Qualitätsoffensive Lehrerbildung zu „Professionalisierung, schulpraktische Studien und Inklusion“. Die Potsdamer Uni, das Potsdamer Modell der Lehrerbildung, spielt dabei eine wichtige Rolle. Können Sie da Ihre Erfahrungen mit Inklusion einbringen?

Dr. Irma Bürger: Wir sind in der Beratung tätig und so vernetzt mit den Beraterinnen und Beratern in den Fächern und den dortigen Prüfungsausschüssen. Folglich ist der Prüfungsausschuss der Inklusionspädagogik, wie alle anderen Ausschüsse auch, direkt für die Vergabe von Nachteilsausgleichen für die eigenen Studierenden zuständig.

WIR: Es gibt ja noch andere Dinge, die für das Studium wichtig sein können, zum Beispiel habe ich keine Türdrücker gesehen.  

Robert Meile: Nein, das ist ein „Problem“ dieses Standorts. Anderswo haben die wichtigsten Türen Drücker, die in der Regel auch funktionieren. Wir haben hier Denkmalschutzauflagen, aber das soll trotzdem in Angriff genommen werden.

WIR: Gibt es in Uninähe auch barrierefreie Wohnungen und Einkaufsmöglichkeiten, sowie Platz für große, elektrische Rollstühle?

Dr. Irma Bürger: Wir regen auch hier gemeinsam mit den Studierenden Veränderungen an. Die Novellierung der Brandenburgischen Bauordnung 2014 bringt in viele Bauvorhaben den Gedanken der Barrierefreiheit ein. In der Universität selbst ist bei Neu- und Umbauten unsere Meinung gefragt. Auch hier ist unsere Vernetzung mit den Studierenden vorteilhaft. Häufig fehlen den Architekturbüros Kenntnisse darüber, wie groß die unterschiedlichen Rollstühle sind. Da können wir durch Einbeziehung unserer Studierenden als Experten unterstützen. Nun gilt es entsprechende Veränderungen für Studierende mit Seh- und Hörbeeinträchtigung einzufordern und zu begleiten. Wir freuen uns auch hier, wenn unsere Expertise aufgenommen wird.

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WIR: Wo wünschen Sie sich mehr Inklusion im Alltag mit den Studenten mit und ohne Behinderung?

Christian Opitz: Ich finde zum Beispiel wichtig, dass man bei der Konzeption von Studiengängen zukünftig darauf achtet, mehr Prüfungsformen anzubieten. Im Moment haben wir oft die Situation, dass es gerade in den geisteswissenschaftlichen Studiengängen die Wahl zwischen Klausur und Hausarbeit gibt. Wenn man da auch andere Prüfungsformen mit einbringen könnte, könnte das vielleicht auch irgendwann mal dazu führen, dass man nicht mehr so viele Nachteilsausgleiche benötigt. Die Personen könnten die Prüfungsform auswählen, die besser zu der entsprechenden Person insgesamt passt. Das ist auch nicht nur für die Studierenden, die eine Beeinträchtigung haben, gut, sondern für alle anderen auch.

Annemarie Kleinert: Ich würde mir wünschen, dass das Thema Studium mit Beeinträchtigung immer präsenter und selbstverständlicher wird. Nur, wenn man über ein Thema Bescheid weiß, kann man sich austauschen. So werden Missverständnisse und Barrieren, ganz gleich, ob sie baulicher Natur sind oder in den Köpfen der Menschen entstehen, abgebaut.

Ich  fühle mich an der Uni Potsdam sehr wohl, denn hier wird viel dafür getan, dass alle Studenten mit oder ohne Beeinträchtigung ihr Studium erfolgreich abschließen und eine schöne Studienzeit haben.

Dr. Irma Bürger: Mein Wunsch ist, dass mehr Institutionen Studierende mit Beeinträchtigungen als Experten direkt einbezihen, deren Meinung gefragt ist. Das vermeidet Enttäuschungen auf beiden Seiten, denn gut gemeint ist auch hier nicht immer gut. Nicht Fürsorge oder Hilfe, sondern der Gedanke, des Miteinanders sollte mehr verinnerlicht werden. Das ist aus meiner Sicht ein Erfolgsrezept für Inklusion.

Ulrike Sträßner: Insgesamt wäre es natürlich auch schön, wenn bei diesen ganzen Exzellenzbestrebungen in der Universitätslandschaft die Inklusivität einer Hochschule auch als ein Exzellenzmerkmal wahrgenommen werden würde. Wünschenswert wäre in dieser Hinsicht ein grundlegendes Verständnis dafür, dass das Einbeziehen verschiedener Fähigkeiten und der vorhandenen Vielfalt an Menschen eine Uni exzellent macht.

WIR: Ganz herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Antworten. Wir wünschen Ihnen für die künftigen Vorhaben viel Erfolg.

Das Interview führten Anna Koch und Ursula Rebenstorf.