Die Reflexionsgruppe Diskriminierung im Archiv der FDST
Das Thema Diskriminierung insbesondere aus intersektionaler Perspektive – das heißt, dass zusätzlich zur Behinderung noch weitere Diskriminierungsmerkmale wie z.B. Alter, Geschlecht oder Kulturzugehörigkeit hinzukommen und somit gleichzeitig wirken, beschäftigt uns in der Reflexionsgruppe seit 2021 alle. Wir überlegen, diskutieren, lernen voneinander und bringen auch Außenstehende zum Nachdenken. Darum ging und geht es uns bis heute.
Wer sind wir? Wir sind Frauen und Männer, jünger und älter, mit und ohne Beeinträchtigungen, manche von uns arbeiten in der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung oder auch in der klassischen Behindertenhilfe, manche nicht bzw. nicht mehr. Bei uns gilt die gleiche Augenhöhe – für Themen, die uns interessieren und die wir bearbeiten wollen, entscheiden wir uns gleichberechtigt.
So hatten wir die Idee, uns auch in historischer Hinsicht mit dem Thema Diskriminierung zu beschäftigen. In Absprache mit Herrn Dr. D. Erdmann entschieden wir uns, das Archiv der Fürst Donnersmarck zu besuchen. Wie hat sich Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen im Laufe der Zeit verändert? Dies wollten wir anhand des Beispiels des ursprünglich aus Dänemark stammenden Normalisierungsprinzips (1959), das seit Mitte der 1980-er Jahre auch in Deutschland/BRD aufgegriffen und weiterentwickelt wurde, entlang der im Archiv der Fürst Donnersmarck-Stiftung vorfindlichen Dokumente aus diesen Zeiträumen diskutieren. Was bringt der Ansatz des Normalisierungsprinzips Menschen mit Behinderungen heute? Gilt der Satz „Mittendrin, so wie ich bin!“?
Am 08. September war es so weit – wir trafen uns vor Ort im Archiv. Herr Dr. Erdmann hatte alles wunderbar vorbereitet, auch Kekse und Getränke standen bereit. Die Anreise zum Archiv mit dem ÖPNV war jedoch nicht für alle von uns die beste Wahl. Unser Gruppen-Mitstreiter M. kurvte mit seinem Auto fast eine Stunde im Gebiet rund um die Mainzer Straße, um einen Parkplatz zu finden – und fand keinen! M. hat einen Berechtigungsschein für einen Behindertenparkplatz – ist auf sein Auto angewiesen. M. konnte also nicht teilnehmen (!) und fuhr wieder nach Hause. Es ist so schade und so ärgerlich! Warum hat das Archiv keinen eigenen Behindertenparkplatz, wenn es doch offen sein will für alle?
Wir warfen einen Blick auf die Punkte, die durch den schwedischen Sozialwissenschaftler Bengt NIRJE in den 1960-ger Jahren zu Merkmalen „normalen Lebens“ erklärt wurden. Er hat sozusagen in revolutionärer Weise neu beschreiben, wie Normalität für geistig behinderte Menschen aussehen sollte. Insbesondere den Punkt „Beachtung eigener Wahlmöglichkeiten, Wünsche und Bedürfnisse“ diskutierten und reflektierten wir anhand der von Herrn Dr. Erdmann bereit gestellten Materialien. Diese Materialien bestanden z.B. aus persönlichen Briefen eines Klienten im Betreuten Wohnen der Fürst Donnersmarck-Stiftung der 1980-ger Jahre und zeigten sehr deutlich seinen Kampf um Mitbestimmung in eigener Sache. Unsere Mitstreiterin P. wies auf die ebenfalls in den 1980-ger Jahren erstarkende Selbstbestimmt-Leben-Bewegung hin. Wir fragten uns, wie es damals hätte gelingen können, politisch engagierte Menschen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und Klient*innen der „klassischen Behindertenhilfe“, die selbstbestimmt leben wollen, zusammenzubringen.
Unser Besuch im Archiv der Fürst Donnersmarck-Stiftung hat uns einmal mehr gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Diskriminierung ein sehr weites Feld eröffnet. Ein von Diskriminierung weniger zugerichtetes Leben für Menschen mit Behinderungen musste immer wieder erstritten werden. Dieses Erstreiten-Müssen gilt auch heute noch.
Unsere Mitstreiterin V. sprach es als Erste aus – wir wollen unbedingt noch einmal wiederkommen ins Archiv! Wir bedanken uns sehr herzlich bei Herrn Dr. Erdmann für seine fachliche Führung durch unser Thema. Und wie gesagt – wir bleiben dran!
Text: Reflexionsgruppe Diskriminierung aus der Villa Donnersmarck