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Cindy Klink und WIR-Redakteurin Kirsten Heil vor dem Sony Center in Berlin. Beide lachen.

Musik in Gebärdensprache: Interview mit Cindy Klink

Für das neue WIR-Magazin mit dem Thema „Musik für alle – Inklusive Klangwelten“ haben wir Cindy Klink getroffen. Die 22-jährige wurde mit einer Hörbehinderung geboren und lebt zwischen zwei Welten. Ihre Muttersprache ist die Deutsche Gebärdensprache, da ihre Eltern gehörlos sind. Sie lernte von Kindesbeinen an auch Deutsch, da sie mit Hilfe ihrer Hörgeräte hören kann. Auf ihrem YouTube-Kanal übersetzt Cindy Klink Musik in Gebärdensprache.

Wir treffen Cindy Klink im Rahmen der Fashion Week

Hallo Cindy, herzlich willkommen in Berlin. Schön, dass du da bist. Erzähl uns doch ein bisschen was über dich.

Ich heiße Cindy Klink, bin 22 Jahre alt und komme von der Mosel – bin dort geboren und aufgewachsen.

Was machst du, wenn du gerade keine Musik in Gebärdensprache übersetzt?

Ich habe im Februar meine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten beendet und arbeite auch noch in dem Beruf. Nebenbei besuche ich noch die Abendschule und mache mein Abitur nach.

Wie kommt es, dass wir dich heute in Berlin treffen?

Ich war als Model auf der Fashion Week. Das habe ich vorher noch nie gemacht und konnte es mir eigentlich auch nicht vorstellen. Ich habe vorher immer gedacht, dass Modeln nichts für mich ist und ich das nie machen würde. Dann kam allerdings die Anfrage und ich habe angefangen darüber nachzudenken. Ich dachte mir: „Okay, wenn du schon so was angeboten bekommst, dann machst du das auch.“ Erst habe ich mich ziemlich fehl am Platz gefühlt, aber dann war es doch aufregend und vor allem richtig schön.

https://www.instagram.com/p/B3z8KS5CekJ/

Warum Cindy Klink Musik in Gebärdensprache übersetzt

Woher kam die Idee, Musik in Gebärdensprache zu übersetzen?

Für meine Abschlussfeier hat mich eine Lehrerin gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein Lied in Gebärdensprache zu übersetzen. Eigentlich wollte ich es erst nicht machen, weil ich auch nicht allein auf der Bühne stehen wollte. Aber letztendlich konnte sie mich überreden. Zum Glück – ich hatte noch nie so viel positives Feedback bekommen. Und meine Mutter hat mich dann dazu ermutigt, das im Netz zu veröffentlichen. Das war für mich ein riesiger Schritt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich mich angreifbar mache. Zu der Zeit konnte ich ohnehin schlecht mit Leuten umgehen, die mich beleidigt oder angegriffen haben. Ich dachte im Internet, wo jeder anonym alles schreiben kann, wird das noch schlimmer. Letztendlich habe ich dann aber einfach angefangen, mein erstes Video auf YouTube gepostet und dann hat sich das alles so ergeben.

Du übersetzt ja überwiegend deutsche Lieder, weniger englische. Hat das einen Grund? Ist Englisch schwieriger zu übersetzen?

Nein schwieriger ist es nicht. Allerdings habe ich viele Fans, die gerne die Deutsche Gebärdensprache (DGS) lernen möchten und zum Teil auch durch meine Videos dazu motiviert werden. Und bei deutschen Liedern ist das, denke ich, einfacher. Man hört die Texte, sieht die Gebärden und kann es so besser lernen. Bei englischen Liedern ist das viel schwieriger, weil ich das ja vorher erst ins Deutsche übersetze, bevor ich es in DGS übersetze. Den Zuschauern fehlt dann der Zwischenschritt. Oder ich müsste es direkt in die amerikanische Gebärdensprache übersetzen, was allerdings ganz andere Gebärden sind. Das würde die meisten aber vermutlich verwirren, deshalb bleibe ich bei der deutschen.

Cindy Klink: „Ich bin eine Querbeet-Kandidatin“

Gibt es eine Band mit der Du unbedingt mal live auf der Bühne stehen und performen möchtest?

Ja, mit Rammstein würde ich gerne performen, vor allem auch wegen der ganzen Show. Dann kommt noch dazu, dass die Lieder zum Übersetzen sehr einfach gestaltet sind. Sie haben meistens relativ wenig Text, der aber umso ausdrucksstärker ist. Außerdem sind die ja in der ganzen Welt viel unterwegs und das wäre sicher eine super Erfahrung.

In vielen deiner Videos übersetzt du Rap-Musik, ist das deine Lieblingsmusik oder was hörst du am liebsten?

Da bin ich eigentlich nicht so festgelegt, ich bin so eine Querbeet-Kandidatin. Ich kann alles hören, von Klassisch bis Schlager. Wobei nee, Schlager dann doch eher selten. Techno auch eher gar nicht, da fehlt mir der Gesang. Momentan höre ich aber hauptsächlich Rock.

Cindy Klink und WIR-Redakteurin Kirsten Heil im Sony Center, Berlin.

Hast du zu deinen Videos auch Feedback von anderen Gehörlosen bekommen, die sie auf YouTube gesehen haben?

Ich habe von anderen Gehörlosen schon oft gehört, dass sie meine Performance besser finden, als wenn das klassische Dolmetscher machen. Das hat mich auch sehr positiv überrascht und ich hätte das so nie gedacht. Aber ich kann das selbst gar nicht so beurteilen.

Das Dolmetschen von Musik wird in der Gehörlosen Community ja auch durchaus kritisch gesehen. Wie stehst du dazu?

Also ich mag die Arbeit von Dolmetscherinnen und Dolmetschern wie beispielsweise Laura Schwengber. Ich finde das toll, was sie machen, aber es gibt Gehörlose, die sagen, sie verstehen die Gebärden einfach nicht und es sieht einfach aus wie ein Tanz. Meiner Meinung nach steckt da auf allen Seiten viele persönliche Aspekte drin. Es kommt auch immer auf das Lied und die Interpretation an. Manche Sachen finde ich super, andere eher nicht so, oder ich verstehe den Inhalt nicht. Das ist sehr abhängig vom Dolmetscher. Ich selbst mache ja auch immer so ein Mischmasch aus LBG, also lautsprachbegleitendem Gebärden und DGS. Andere Dolmetscher benutzen halt nur klassisch die DGS.

Herbert Grönemeyer hat ja mal gesungen: „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist.“ Ist das was dran, oder ist das einfach ein blödes Klischee und Quatsch?

Gehörlose können Musik spüren, ja, das ist wahr, aber manchmal ist der Text auch sehr wichtig. Da steckt ja auch immer eine Botschaft drin oder ein Gefühl des Sängers. Nur weil ich gehörlos bin, heißt das ja nicht, dass ich nur einen Teil der Musik genießen darf. Das Gesamtpaket ist schon wichtig. Es gibt dann auch Menschen, die sagen: Ja, ich kann dir doch einfach den Text geben. Darauf antworte ich dann: ich kann dir auch einfach die Noten geben und du reimst dir die Melodie selbst zusammen.

Auf deinem Kanal übersetzt du auch durchaus umstrittene Bands wie Frei.Wild oder Kärbholz, denen nationalistische Tendenzen nachgesagt werden. Beschäftigt dich das auch oder ist dir das egal?

Ja, ich beschäftige mich sehr viel mit der Frage, weil ich sie übersetzt habe, die Musik selbst höre und mit denen zusammenarbeite. Mit der Debatte muss ich mich schon auseinandersetzen. Ich habe mich wirklich sehr, sehr intensiv informiert und denke, man kann anhand der Musik nicht sagen, wo ein Mensch politisch orientiert ist. Ich habe auch die Band persönlich kennengelernt und sie darauf angesprochen. Philipp* hat gesagt, „Okay, ich war so. Früher hatte ich schlimmes Gedankengut.“ Aber ich denke, Menschen verändern sich und Fehler macht jeder mal. Vergangenheit ist Vergangenheit und wir leben im Hier und Jetzt. Ich war auch früher schon persönlich öfters auf Konzerten von ihnen und sie haben behinderten Menschen immer freien Eintritt gelassen.
*Philipp Burger, Sänger von Frei.Wild – in seiner Jugend Skinhead und Sänger der Südtiroler Rechtsrock-Band „Kaiserjäger“ – Anm. d. Red.

Cindy Klink über ihr Buch und ihre Träume

Wechseln wir das Thema. Du hast ja auch ein Buch geschrieben, „Hören wird überbewertet“. Wie kamst du dazu und wie waren die Resonanzen?

Also überwiegend war es sehr positives Feedback. Aber natürlich gab es auch einige Kritiker. Es war mein erstes Buch und das war schon eine Herausforderung, zumal ich auch sehr oft Schreibblockaden hatte. Aber überwiegend war die Resonanz sehr positiv. Das hat mich persönlich auch sehr überrascht und gefreut.

Und wie kamst du auf die Idee, ein Buch zu schreiben?

Das ist mehr oder weniger ein Kindheitstraum. Ich wollte schon immer gerne Geschichten und Romane schreiben, weil ich selber sehr gerne lese. Hier war es allerdings so, dass ein Verlag über meine Videos auf mich aufmerksam geworden ist und auf mich zukam. Ich wurde gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein Buch zu schreiben. Das habe ich dann einfach gemacht, weil ich dachte „So ein Angebot bekommt man auch nicht immer“.

Fühlst du dich mit deiner Behinderung von der Gesellschaft akzeptiert?

Das ist situationsbedingt. Es kommt halt immer darauf an, mit welchen Menschen ich gerade unterwegs bin. Es gibt Menschen, die akzeptieren mich so wie ich bin. In einigen Situationen fühlt man sich dann aber schon ausgeschlossen: bei öffentlichen Veranstaltungen, aber auch schon bei privaten Geburtstagsfeiern. Wenn ich die einzige taube Person bin, die nichts versteht oder schwer folgen kann, kann es schon vorkommen, dass ich mich ausgeschlossen fühle. Ich will ja schon wissen, was gerade abgeht und worüber gesprochen wird. Bei Konzerten oder Comedy-Shows wäre ich auch gerne öfter dabei, aber das geht eigentlich nur zuhause. Da kann man dann zum Beispiel Untertitel einstellen. Live würde ich einiges vielleicht gar nicht richtig mitbekommen und verstehen. Gestern auf der Fashion Week habe ich mich anfangs auch eher fehl am Platz gefühlt, weil alles sehr laut und hektisch war. Aber als ich dann gesagt habe, dass ich nicht gut höre und man deutlicher und etwas lauter mit mir reden müsse, hat das wunderbar geklappt und es wurde toleriert.

Du hörst ja nur mit deinen Hörgeräten, wenn du sie ausstellst, bist du taub. Stellst du sie auch mal ganz bewusst ab? In einem anderen Interview hast du mal gesagt, dass du zum Beispiel froh bist, sie beim Schlafen einfach abstellen zu können.

Ja, beim Schlafen ist das super. Ich kann mir da gar nicht vorstellen, normal zu hören, weil ich nachts die absolute Stille gewohnt bin. Ich habe mal versucht mit Hörgeräten zu schlafen und habe ständig Autos, Vogelgezwitscher oder sogar gehört, wie jemand auf Toilette gegangen ist. Wie kann ein normaler Mensch da schlafen? Ansonsten ist es auf Arbeit auch mal ein Vorteil, wenn eine Arbeitskollegin mal wieder Schlager hört – dann stelle ich einfach ab. Auch bei meinem Ex-Freund war es ganz praktisch.

Gibt es einen Traum, den du dir unbedingt noch erfüllen möchtest?

Die meisten meiner Träume sind ja mittlerweile schon in Erfüllung gegangen, so wie jetzt live auf der Bühne zu sein mit Musikern oder ein eigenes Buch zu schreiben. Ich glaube, der nächste Schritt wäre in einem Film mitzuspielen. Aber mittlerweile gehen mir die Träume aus.

Wir hoffen, dass du dir immer ein paar Träume bewahren kannst und bedanken uns ganz herzlich für das Interview!

Das Interview führten Kirsten Heil & Nico Stockheim

Mehr zum Thema findet ihr in der neuen Ausgabe der WIR, die digital am 31.10.2019 erscheint. Und unter dem Schlagwort Musik laufen hier bei mittendrin dann ebenfalls einige Artikel zum Thema „Musik für alle – Inklusive Musikwelten“ ein.